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Monika Carbe

Sümeyra

 

I.

Um der Rosen willen, Sümeyra,

wegen des Sturms,

über den Dächern der Stadt

grünliches Licht –

über den Dächern

– Hermes als freundlicher Schatten in Grau –

prasselt der Regen

heulen Zypressen.

Über den Dächern der Stadt

hungern die Wölfe,

spiegelt Hermes

sein Gesicht

im Regenbogen.

 

II.

 

Um des Sturmes willen. Sümeyra.

wegen der Rosen am Strand

hungern Wölfe;

unter Kanaldeckeln

verfaulen Stiefmütterchen.

 

 

III.

 

Um Hermes willen, Sümeyra,

wegen der Rosen im Sturm,

in den hängenden Gärten der Stadt,

Stufe um Stufe,

hinter Haselnussbüschen

auf bröckelndem Marmorgestein

ereifern Hyänen, Schakale am Aas sich,

heulen Zypressen.

verfaulen Gedanken,

neigen die Hügel

den Tälern sich zu.

 

IV.

 

Grünliches Licht

in Kellern und Grüften,

feuchtwarme Dünste,

vom Schwamm zerfressen die Mauern.

 – Hermes senkt seinen Kopf.

Spuren auf verwaschenem Kalk,

allerlei Spinnengetier.

Ratten und Mäuse huschen vorbei,

Kakerlaken

suchen,

suchen ihren Weg;

Hermes nestelt an der Laterne.

 

V.

 

Um der Zypressen willen, Sümeyra,

gehst du

am bröckelnden Marmorgetier

auf den Hügeln,

den Tälern der Stadt

lächelnd vorbei.

 

 

VI.

 

Um der Kraniche willen, Sümeyra

wegen der Not,

um der Fragen willen,Sümeyra,

wegen des hungrigen

Marmorgebröckeis,

um des Todes willen, Sümeyra,

du lebst.

 

 

 

Monika Carbe

 

 

In: Dergi, Duisburg, April 1990.

 

 

 

Die Sängerin Sümeyra Çakır, eine Schülerin von Ruhi Su, lebte von 1946 bis 1990.

 

 

      

© Monika Carbe 1990, 2011

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